Grafschafter Wacholder bezahlt die Heide, in der er wächst
Aus Wacholderbeeren der Grafschaft Bentheim brennt die Feinbrennerei Sasse zwei Spirituosen: den Grafschafter Kräuterwacholder mit 32 % Vol. und den Grafschafter Heide Gin mit 45 % Vol. Die Beeren werden von Hand in Naturschutzgebieten gepflückt, und aus den Verkaufserlösen fließt Geld zurück in deren Pflege.
Grafschafter Wacholder ist die Heide-Linie der Feinbrennerei Sasse aus Schöppingen. Der Kräuterwacholder ist ein Wacholderlikör mit 32 % Vol., der Heide Gin ein Gin mit 45 % Vol. – beide aus Beeren der Wacholderheiden in der Grafschaft Bentheim, beide in der 700-Milliliter-Flasche. Aus den Verkaufserlösen des Kräuterwacholders speist Sasse einen Sonderfonds bei der Naturschutzstiftung Grafschaft Bentheim; über 40.000 Euro sind so zusammengekommen.
Wacholder wächst überall. Wacholderheide nicht – die ist eine Kulturlandschaft, entstanden durch jahrhundertelange Beweidung, und sie verschwindet, sobald niemand mehr Schafe hineinschickt. Diese beiden Flaschen hängen an genau dieser Frage.
Zwei Wege aus derselben Beere
Der Rohstoff ist identisch, das Ergebnis nicht: Aus den Beeren derselben Heiden entstehen ein milder Likör und ein trockener Gin.
Der Grafschafter Kräuterwacholder kommt mit 32 % Vol. und geht in die weiche Richtung – mild, würzig, mit Heidehonigtönen. Er ist das ältere der beiden Produkte und der Grund, aus dem es die ganze Linie gibt.
Der Grafschafter Heide Gin steht bei 45 % Vol. und ist der erste Gin, für den Wacholderbeeren aus der Grafschaft Bentheim gebrannt wurden. Erdig-milder Wacholder trifft dort auf Zitrone und Pampelmuse.
Der Unterschied zwischen 32 und 45 Prozent ist im Glas größer, als die Zahlen aussehen. Der Likör ist ein Digestif für nach dem Essen, der Gin gehört ins Tonic-Glas mit viel Eis. Wer beides nebeneinander probiert, schmeckt dieselbe Beere zweimal völlig verschieden – einmal umsorgt von Süße, einmal nackt.
Ein Sonderfonds bei der Naturschutzstiftung
Seit 2010 engagiert sich die Feinbrennerei Sasse für den Erhalt heimischer Tier- und Pflanzenarten – und die Verbindung zum Produkt ist keine Nebensache.
Der Kräuterwacholder wurde erstmals zum Jubiläum des Landkreises 2010 gebrannt. Im selben Jahr begann das Engagement. Finanziert werden die Projekte aus einem eigens gegründeten Sonderfonds „Grafschafter Kräuterwacholder" bei der Naturschutzstiftung Grafschaft Bentheim, gespeist aus den Verkaufserlösen. In den vergangenen Jahren kamen so mehr als 40.000 Euro zusammen.
Das ist der seltene Fall, in dem Regionalität nachrechenbar wird. Die Beeren kommen aus der Heide, das Geld geht in die Heide zurück, und ohne die Heide gäbe es die Beeren nicht. Ein geschlossener Kreis, den man beim Trinken nicht sieht und beim Nachlesen schon.
Was mit dem Geld passiert
Die Stiftung listet die Projekte einzeln auf, mit Beträgen – das ist ungewöhnlich konkret für eine Marke.
Im Vogelschutzgebiet Rieselfelder nördlich von Münster, 430 Hektar groß, unterstützt Sasse den Neubau der Holzstege mit 15.000 Euro; die alten stammen aus den 1980er Jahren, die neuen sollen barrierefrei sein. Rund 70 Veranstaltungen finden dort jährlich statt, bei denen Kinder ab sechs Jahren unter Anleitung nach Insekten und Wassertieren keschern.
Am Kloster Bardel wird ein Wacholderhain auf neun Hektar renaturiert, ebenfalls mit 15.000 Euro: Die Spätblühende Traubenkirsche hatte das Areal überwuchert und der Heide den Lebensraum genommen. Der Boden wird abgetragen, danach siedelt der Tierpark Nordhorn eine Schafherde an, welche die Traubenkirsche künftig in Schach hält. Zurückkommen sollen Arten wie Sandlaufkäfer und Wildbienen.
Und in den Tillenberge bei Nordhorn, einer Binnendünenlandschaft von rund 96 Hektar, die seit 1996 unter Schutz steht, geht es um die Wacholderheide selbst. Beteiligt ist dort auch der heilpädagogische Hof Blekker.
Das Bentheimer Landschaf hält die Heide offen
Die Pflege übernimmt eine Schafrasse, die selbst beinahe verschwunden wäre.
In den Tillenbergen weiden im Sommer Bentheimer Landschafe und Ziegen und sorgen dafür, dass die Flächen nicht verbuschen und verbaumen. Ohne sie kippt die Heide binnen weniger Jahre in Gehölz – und mit ihr die Wacholderbeeren.
Die Rasse war vor einigen Jahren fast ausgestorben. Heute umfasst der Bestand in der Weser-Ems-Region mehr als 1.100 Zuchtschafe. Gebracht werden die Tiere bei einem traditionellen Schafauftrieb vom Tierpark Nordhorn entlang der Vechte bis nach Tillenberge – ein Umzug, den man sich ansehen kann.
Die Kette ist damit vollständig: Das Schaf hält die Heide offen, die Heide trägt den Wacholder, der Wacholder wird zur Flasche, und die Flasche bezahlt das Schaf.
Ins Tonic, in den Digestif, ohne Alkohol
Der Heide Gin verträgt ein zurückhaltendes Tonic – sein Wacholder ist erdig-mild und wird von zu viel Chinin überdeckt.
Viel Eis, eine Scheibe Pampelmuse statt der üblichen Gurke, und die Zitrusnoten aus dem Brand bekommen Gesellschaft. Erdig, zitrisch, trocken läuft er dann ab. Der Kräuterwacholder dagegen gehört pur ins kleine Glas: nach dem Essen, bei Zimmertemperatur, dann kommen die Heidehonigtöne durch.
Probier die beiden ruhig einmal nebeneinander, wenn du Gäste hast. Du brauchst dafür nichts weiter als zwei Gläser und zwei Minuten Erklärung – und wirst überrascht sein, wie viele Leute anschließend wissen wollen, was eine Wacholderheide eigentlich ist. Es ist der seltene Fall, in dem die Geschichte hinter der Flasche genauso gut ankommt wie ihr Inhalt.
Wacholder ohne Alkohol gibt es übrigens auch: Der Junipaero Gin Sirup steht bei den alkoholfreien Aperitifs. Was das Haus sonst aus Kräutern holt, zeigen die Sasse Liköre – und die ganze Geschichte steht bei der Feinbrennerei Sasse.