Feinbrennerei Sasse brennt seit 1707 in Schöppingen
Die Feinbrennerei Sasse aus Schöppingen im Münsterland ist eine der letzten voll integrierten Kornbrennereien Deutschlands. Rüdiger Sasse führt das Haus als Inhaber in 15. Generation, das Kernprodukt ist mindestens vier Jahre im Holzfass gereifter Lagerkorn. Beim World Spirits Award 2025 wurde die Brennerei als einzige Kornbrennerei Deutschlands zur World-Class Distillery gekürt.
Feinbrennerei Sasse ist eine Kornbrennerei in Schöppingen im westlichen Münsterland, deren Betrieb 1707 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Sie gehört zu den letzten voll integrierten Brennereien der Region – vom Getreide bis zur fertigen Flasche entsteht alles an einer Adresse. Bekannt wurde das Haus mit dem Lagerkorn, einem im Eichenfass gereiften Korn, und führt daneben Liköre, Gin und alkoholfreie Aperitifs. Im Handelsregister steht die Brennerei bis heute als Theo Sasse e.K.
Das Münsterland war einmal die Hochburg der deutschen Kornbrennerei. Fast alle sind verschwunden. In Schöppingen steht eine der letzten – und ausgerechnet dort hat jemand beschlossen, dass Korn kein Getränk für die Theke sein muss, sondern eines fürs Glas.
Erst hieß das Haus Wilmink
Die Geschichte der Feinbrennerei Sasse beginnt 1707 – allerdings ohne einen einzigen Sasse. Damals wurde der Betrieb einer Brennerei und Brauerei durch die Familie Wilmink erstmals urkundlich erwähnt.
Die Wilminks bauten aus: 1778 pachtete der Kaufmann Bernd Anton Wilmink II. die Schöppinger Stadtmühle. Wer Mühle und Brennerei zusammen betreibt, hat das Getreide und seine Verarbeitung in einer Hand – und genau dieses Prinzip hält sich an dieser Adresse bis heute.
Der Name Sasse kam erst 150 Jahre nach der ersten Erwähnung dazu. 1857 heiratete Elisabeth Wilmink den Kaufmann Franz Anton Sasse, der fortan die Geschäfte der Kornbrennerei leitete. Aus zwei Familien wurde eine, und die Brennerei bekam den Namen, welchen sie heute noch trägt.
Franz Anton war offenbar niemand, der bloß verwaltet, was er vorfindet. Er erweiterte den Betrieb 1885 und stellte die erste Dampfmaschine in Schöppingen auf – die Industrialisierung kam ins Dorf, und sie kam über eine Brennerei.
1918 übernahm Theo Sasse den elterlichen Betrieb. Sein Name steht bis heute im Handelsregister, obwohl er seit 1976 tot ist – Theo Sasse e.K. heißt die Firma noch immer. 1972 war das alte Gelände zu klein geworden, es entstand ein Neubau mit moderner Brennanlage, und nach Theos Tod führte Sohn Ernst Sasse das Haus weiter.
1985 stand ein Sechzehnjähriger vor den Trümmern
Ausgerechnet 1918, im selben Jahr, in dem Theo Sasse übernahm, wurde das Branntweinmonopol eingeführt – und damit die Produktion von massentauglichem Industriealkohol möglich.
Für eine Kornbrennerei war das der Beginn eines langen Abstiegs. Der Absatz auf dem deutschen Markt ging stark zurück, Korn war nicht mehr gefragt, und viele Brennereien kämpften ums Überleben. 1985 traf es auch Schöppingen. Rüdiger Sasse war zu diesem Zeitpunkt gerade 16 Jahre alt und stand, wie es die Brennerei selbst erzählt, vor den Trümmern einer damals schon fast 300-jährigen Familientradition.
Zwei Jahre später kam der Wendepunkt, und er hatte die Form einer Flasche. 1987 entdeckte Rüdiger eine alte Flasche Korn seines Urgroßvaters und erkannte das Potenzial, welches in gelagertem Kornbrand steckt. „Es war ein vielschichtiger, geschmackvoller Korn und die Geburt des Lagerkorn“, sagt Rüdiger Sasse über diesen Fund. Im selben Jahr führte Ernst Sasse die alte Technik des Barriqueausbaus versuchsweise für einen Edelkorn wieder ein.
Naheliegend war das damals nicht. Korn galt als klar, jung und billig, ein Getränk, das man kalt kippt und über das man nicht spricht. Fässer waren etwas für Whisky und Cognac.
Wenn du je einen jungen und einen gereiften Brand nebeneinander probiert hast, verstehst du sofort, worum es ging: Das eine ist Rohstoff, das andere ist fertig.
Bemerkenswert ist, was danach passierte: nichts. Zehn Jahre lang. Erst 1997 kam der Münsterländer Lagerkorn V.S.O.P. auf den Markt. Das ist eine lange Zeit, um herauszufinden, welches Fass, welche Dauer, welcher Brand – aber Fassreifung lässt sich nun einmal nicht beschleunigen. Wer 1987 ein Fass befüllt, weiß erst zehn Jahre später, ob die Idee trägt.
Heute reift das Kernprodukt der Feinbrennerei Sasse mindestens vier Jahre. Im Jahr 2022 wird das Familienunternehmen in der 15. Generation von Rüdiger Sasse geführt – dem Sechzehnjährigen von damals. Die Geschäftsführung der Lagerkorn GmbH liegt seit 2020 bei Egbert Stein, dem ersten familienfremden Geschäftsführer in der Geschichte des Hauses.
Von zehn Jahren im Fass bis null Prozent im Glas
Das Sortiment der Feinbrennerei Sasse ist bei uns in fünf Bereiche sortiert – und die Spannweite dazwischen ist der eigentliche Punkt. „Produktinnovationen haben bei uns eine lange Tradition“, sagt Rüdiger Sasse.
Der Lagerkorn ist das Fundament. Der Münsterländer Lagerkorn V.S.O.P. zeigt, was Barriquereifung aus Getreide macht, der Atlantik Finish geht mit Torfmalz und Jerez-Fass in eine Richtung, welche man beim Wort Korn nicht erwartet, und der Cigar Special ist für den Abend gedacht, an dem daneben etwas glimmt.
Bei den Sasse Likören heißen die Naturliköre Naturtalente, weil am Anfang jeweils der Rohstoff steht – Holunderblüte, Marille, Kakao, Kaffee. Der älteste unter ihnen ist der Sechser Kräuterlikör: seit 1928 in Schöppingen hergestellt, sechs Zutaten aus biologischem Anbau geben ihm den Namen, und die Rezeptur ist bis heute unverändert.
Die Paula-Pumpernickel-Reihe entstand 2021 aus der Zusammenarbeit mit einer Münsterländer Genussbloggerin und bringt die Sahneliköre mit.
Unter Gin & Wacholder steht, was die Grafschaft Bentheim beisteuert. Und bei den alkoholfreien Aperitifs zeigt sich, dass eine Brennerei auch ohne ihr eigentliches Handwerk arbeiten kann: Die Wellpaero-Reihe und der Junipaero Gin Sirup kommen mit 0,0 Prozent aus. Dazwischen findest du den Münsterländer Aperitif Amérie mit Himbeeren aus der Region.
Voll integriert heißt alles an einer Adresse
Die Feinbrennerei Sasse ist eine der letzten noch verbliebenen voll integrierten Brennereien im Münsterland – ein sperriger Begriff, der den Betrieb ziemlich genau beschreibt.
Voll integriert bedeutet, dass Maischen, Brennen, Reifen und Abfüllen an derselben Adresse passieren. In der Spirituosenbranche ist das inzwischen die Ausnahme: Viele Marken kaufen Rohalkohol zu, aromatisieren ihn und füllen ab.
Wer dagegen selbst maischt, entscheidet über das Getreide, über die Gärung und darüber, welcher Teil des Destillats in die Flasche geht und welcher nicht. Diese Entscheidungen schmeckt man später – sie sind der Unterschied zwischen einem Brand mit Handschrift und einem Produkt aus dem Baukasten.
Dass es diese Bauart überhaupt noch gibt, ist im Münsterland die Ausnahme geworden. Die Region war einmal voll von Kornbrennereien – kleine Betriebe, oft an eine Mühle oder einen Hof angeschlossen, die aus dem verarbeiteten, was auf den Feldern ringsum wuchs. Geblieben sind wenige. Schöppingen gehört dazu, und die Brennerei steht dort noch an derselben Stelle wie zu Zeiten der Wilminks.
Das erklärt auch, warum in Schöppingen ein Barriquekorn und ein alkoholfreier Zitronensirup aus derselben Halle kommen. Wer Aromen aus Getreide, Blüten und Schalen holen kann, kann das mit Alkohol tun und ohne. Korn immer wieder neu erfinden nennen sie das dort, und beim Blick aufs Sortiment darf man das wörtlich nehmen.
Erst Spirit of the Year, dann World-Class Distillery
Beim World Spirits Award 2025 wurde die Feinbrennerei Sasse als einzige Kornbrennerei Deutschlands zur World-Class Distillery gekürt – eine von 18 weltweit.
Drei Jahre zuvor galt der Beifall einer einzelnen Flasche: Beim World Spirits Award 2022 wurde der Atlantik Finish zum Spirit of the Year gekürt – jener Kornbrand mit Torfmalz von Islay, den niemand blind als Korn erkennt.
Der Titel geht nicht an ein einzelnes Produkt, sondern an das Haus: an die Breite und die Konstanz über das ganze Sortiment. Für eine Kornbrennerei ist das eine späte Genugtuung. Korn hat in Deutschland jahrzehntelang unter seinem Ruf gelitten, während dieselbe Idee – Getreidebrand, im Eichenfass gereift – anderswo Whisky heißt und teuer verkauft wird.
Dass ein Haus, welches seit 1707 an derselben Stelle brennt, ausgerechnet mit einer wiederentdeckten alten Technik international auffällt, hat eine gewisse Logik. Man muss nur lange genug bleiben und irgendwann in den eigenen Keller schauen.
Ein Euro pro Flasche geht in die Heide
Seit 2010 zahlt die Feinbrennerei Sasse für jede verkaufte Flasche Grafschafter Kräuterwacholder einen Euro in einen Naturschutzfonds ein.
Das Geld liegt in einem eigens gegründeten Sonderfonds bei der Naturschutzstiftung Grafschaft Bentheim, und über die Jahre sind mehr als 40.000 Euro zusammengekommen. Davon bezahlt wurden je 15.000 Euro für neue Holzstege im Vogelschutzgebiet Rieselfelder und für die Renaturierung eines neun Hektar großen Wacholderhains am Kloster Bardel.
Der Zusammenhang ist enger, als er zunächst klingt. Die Beeren für den Grafschafter Kräuterwacholder und den Grafschafter Heide Gin werden von Hand in den Heiden der Grafschaft Bentheim gepflückt. Wacholderheide ist aber keine Wildnis, sondern Kulturlandschaft – sie verbuscht binnen weniger Jahre, wenn keine Schafe mehr darauf weiden.
Also stehen dort im Sommer Bentheimer Landschafe, eine Rasse, welche selbst beinahe verschwunden wäre und heute wieder über 1.100 Zuchttiere zählt. Ohne Schafe keine Heide, ohne Heide keine Beeren, ohne Beeren keine Flasche.
„Gutes auch für die folgenden Generationen zu bewahren“, so beschreibt das Haus den Gedanken dahinter. Bei einer Familie, welche seit 1707 an derselben Adresse steht, klingt das weniger nach Prospekt als nach Erfahrung. 2009 gehörte die Brennerei zu den Gründungsmitgliedern des Münsterland-Siegels.
Wenn du wissen möchtest, wovon hier überhaupt die Rede ist, fang beim Lagerkorn an – dort steht, was zehn Jahre Entwicklung und vier Jahre Fass aus einem Getreidebrand machen. Und wenn du lieber vergleichst, nimm die Lagerkorn Tasting Box: drei Brände à 40 Milliliter, ein Abend zu zweit, danach weißt du, welche Richtung deine ist.