Grappa und Liköre aus dem Trentino von Familie Marzadro
Die Distilleria Marzadro brennt seit 1949 im Trentino Grappa aus frischem Traubentrester, dazu Sahneliköre, Zitronenlikör und Gin. Gegründet hat sie Sabina Marzadro in Brancolino di Nogaredo, heute liegt das Haus in dritter Generation in Familienhand. Destilliert wird im kupfernen Wasserbad, in acht Kolben nebeneinander, hundert Tage lang.
Distilleria Marzadro ist eine Familienbrennerei aus Nogaredo in der Vallagarina, jenem Talstück zwischen Rovereto und dem Nordzipfel des Gardasees, in dem Marzemino und Teroldego wachsen. Was 1949 mit einem einzigen Brennkolben und einer Frau begann, die sich das Destillieren selbst beibrachte, füllt heute drei Reifekeller. Grappa ist das Herzstück, daneben stehen Sahneliköre, Limoncino und Kräuterbrände.
1949, ein Kupferkessel und eine entschlossene Frau
Gegründet hat die Brennerei Sabina Marzadro, die nach zwölf Jahren im Dienst eines Abgeordneten in Rom ins Trentino zurückkehrte und beschloss, den Trester der Weinbauern zu brennen.
Zwölf Jahre lang hatte sie in Rom gedient, wie es damals viele Töchter armer Trentiner Familien taten. Zurück in Brancolino di Nogaredo ließ sie sich beim Kupferschmied Arnoldi einen kleinen Destillierkolben bauen, welcher noch über offenem Feuer arbeitete, und stellte ihn ins alte Familienhaus. 1949 standen die ersten Tresterfuhrwerke im Hof.
Ihr Bruder Attilio war Bauer und wurde zum Verkäufer. Er schnallte die Flaschen in den Beiwagen seiner Moto Guzzi und fuhr damit nach Rovereto und in die Nachbardörfer. In den Bars bestellte man dort bald nicht mehr einen Grappa, sondern „einen Marzadro" – ein Gläschen, das den Familiennamen trug. 1960 übergab Sabina ihm die Geschäftsleitung.
Attilio und seine Frau Teresa bekamen sechs Kinder. 1964 entstand eine erste richtige Brennerei mit Hofwaage, Abfüllung und kleinem Laden, 1975 gelang der Grappa aus reinem Marzemino aus Isera. Auch Sabinas Notizbuch ging an ihn über, jenes mit den Alpenkräutern, die sie gesammelt hatte: Waldmeister, Latschenkiefer, Wacholder, Brennnessel, Raute.
Ende der siebziger Jahre stellte das Haus vom offenen Feuer auf das Wasserbad um, was den Bränden sofort ihre Härte nahm. Anfang der achtziger übergab Attilio die Verantwortung an seine Kinder, und die antworteten auf eine schwierige Marktlage mit einem Grappa-Likör aus Heidelbeeren, gepflückt in Baselga di Pinè auf tausend Metern und von Hand einzeln in den Flaschenhals gefüllt. Beeren mit der Pinzette. So fängt Handwerk an.
Hundert Tage brennen zwischen September und Dezember
Seit 2004 steht die Brennerei einen Kilometer entfernt in Nogaredo, gebaut aus Stein, Holz und Glas auf Attilios ehemaligem Weinberg.
Die Bozner Architekten Walter Maurmayr und Günther Plaickner haben das Haus nach dem Sonnenstand ausgerichtet und das Dach mit 60.000 vorkultivierten Pflanzen begrünt, welche im Sommer die Wärme draußen halten. Unter einer Kuppel aus Glas und Metall stehen acht Brennkolben aus Kupfer im Kreis. Ein Wald aus Kupfer, sagen sie in Nogaredo dazu.
Gebrannt wird ausschließlich frischer Trester, der noch vom Most trieft, und zwar im Wasserbad im diskontinuierlichen Kolben – langsamer als die kontinuierliche Anlage, dafür schonender im Aroma. Diese Methode gilt als das Trentiner Verfahren schlechthin. Zwischen September und Dezember läuft sie hundert Tage lang durch, rund um die Uhr, ohne Pause.
Geprüft wird jede Partie vom Istituto Tutela Grappa del Trentino, das seit 1968 in der Provinz Trient über die Qualität wacht, gemeinsam mit dem Istituto Agrario San Michele all'Adige und der Handelskammer Trient. Rund 5.000 Tonnen Trester verarbeitet das Haus im Jahr, etwa 4.000 Fässer liegen in drei Reifekellern.
Verantwortlich für die Auswahl der Rohstoffe ist Andrea Marzadro, der Destilliermeister des Hauses und Sohn von Attilio. Sein Bruder Stefano ist Präsident, seine Schwester Anna führt die Familienholding, und mit Mattia, Alessandro und Luca arbeitet längst die nächste Generation mit. Über hundert Menschen gehören inzwischen zum Betrieb.
Strom kommt zu hundert Prozent aus erneuerbaren Quellen, belegt über Herkunftsnachweise; allein 2024 hat das Haus damit 262 Tonnen Kohlendioxid vermieden. Auf dem Dach liegt eine Photovoltaikanlage mit 300 Kilowatt Spitzenleistung, mitfinanziert aus Mitteln der Autonomen Provinz Trient. Und das begrünte Dach spart Kühlung, ganz nebenbei.
Von der Trentina bis zur Giare Amarone
Das Grappa-Sortiment reicht vom klaren Jungen bis zum Destillat, das drei Jahre im Eichenfass gelegen hat, und lässt sich an vier Linien entlang lesen.
Der Trester stammt aus den Rebsorten, die das Trentino ausmachen: Teroldego aus der Rotaliana-Ebene, Marzemino aus Isera, dazu Merlot, Chardonnay, Müller Thurgau, Muskateller und Gewürztraminer. Weil jede Traube ihre eigene Handschrift mitbringt, schmeckt ein sortenreiner Brand anders als eine Cuvée – schmaler, klarer, dafür weniger vielstimmig.
Am Anfang steht die klare Trentina aus Teroldego, Marzemino und Merlot, ungereift und geradeheraus. Die Morbida barrique reift dann in genau jenen Fässern, in denen zuvor die Diciotto Lune lag, und wird dadurch weicher und runder.
Der bekannteste Grappa des Hauses entstand 2002: Le Diciotto Lune, die achtzehn Monde. Achtzehn Monate ruht er in kleinen Fässern aus Kirsche, Esche, Eiche und Robinie, gebrannt aus fünf Trentiner Trestern, 41 Prozent. Würzig, samtig, vielschichtig – mit einem Anklang von Vanille und getrockneter Frucht.
Sortenrein wird es in der Giare-Linie, die 36 Monate im Eichenfass verbringt: Giare Amarone aus Corvina, Rondinella und Molinara, die blumige Giare Gewürztraminer und die schlanke Giare Chardonnay mit 45 Prozent. Wer Reifung ohne Holzton mag, greift zur Anfora, zehn Monate in Tonamphoren aus der Toskana.
Darüber liegen die kleinen Serien. Die Diciotto Lune Riserva Botte Porto bekommt nach den achtzehn Monaten noch eine Runde im portugiesischen Portweinfass und wird dabei dunkler und süßer im Ton. Die Espressioni Solera reift fünf Jahre nach spanischem Solera-Verfahren, bei dem jüngeres Destillat immer wieder zu älterem gefüllt wird.
Die Linie Espressioni wählt Andrea Marzadro Jahr für Jahr neu aus, in kleinen Auflagen von wenigen tausend Flaschen; die Espressioni Aromatica gehört dazu. Und die Affina-Riserven ruhen zehn Jahre, ehe sie in Flaschen kommen. Alles zusammen findest du unter Marzadro Grappa.
Crema Alpina, Bellabomba und ein Zitronenlikör
Neben dem Grappa führt die Distilleria Marzadro eine Likörwelt, die weicher, süßer und deutlich alltagstauglicher ist – und im Shop den größeren Teil des Sortiments ausmacht.
Die Sahneliköre der Crema Alpina arbeiten mit Rahm aus frischer Trentiner Milch und haben durchweg 17 Prozent. Es gibt sie mit Pistazie, Haselnuss, Kaffee, Zitrone, Walderdbeere, Melone, Marzipan und Salzkaramell. Cremig, kühl, mild – am schönsten schmecken sie eisgekühlt, nahe null Grad.
Dazu kommen der Bellabomba aus Trentiner Milch, Eigelb und Rum, in Italien als Bombardino bekannt und dort im Winter heiß in den Skihütten getrunken, der Limoncino aus Zitronenschalen mit 35 Prozent und die Noiela aus gerösteten Haselnüssen, deren Grundlage ausgerechnet die Diciotto Lune ist. Die ganze Auswahl steht unter Marzadro Liköre.
Aus Sabinas Kräuterbuch ist über die Jahre eine ganze Reihe geworden: Grappa mit Enzian, Lakritz, Wacholder, Latschenkiefer oder Raute, dazu Amari und Fruchtbrände. Und seit einiger Zeit brennt das Haus mit dem Luz Gin auch einen London Dry mit 45 Prozent, in dem neun Trentiner Pflanzen stecken, Zitronenschalen vom Gardasee und Quellwasser vom Monte Stivo. Getrennt mazeriert, Wacholder zwanzig Tage lang – für Gin Tonic ebenso wie pur.
Weltbester gereifter Grappa im Jahr 2016
Bei den World Grappa Awards 2016 wurde die Diciotto Lune der Distilleria Marzadro als World's Best Grappa Aged ausgezeichnet – die Spitze einer langen Reihe.
Beim International Wine & Spirit Competition holte derselbe Grappa 2013 Gold Outstanding samt Trophy, 2023 kam Gold bei der Spirits Selection des Concours Mondial de Bruxelles dazu. Die Giare Amarone bekam 2010 und 2018 eine IWSC-Trophy, 2023 beim 40. Premio Alambicco d'Oro der A.N.A.G. Gold und 2024 die Gran Medaglia d'Oro von Città del Vino.
Die Giare Gewürztraminer wurde 2015 mit Gold Outstanding und Trophy bedacht, 2017 erneut mit Gold Outstanding. Und die junge Anfora holte 2023 Gold in Brüssel, ein Jahr später die Ampolla d'Oro von Spirito Autoctono. Ausgezeichnet wird hier der Brenner, nicht der Händler – wir geben es nur weiter. Alle Achtung.
Bemerkenswert an dieser Liste ist ihre Länge. Seit 2008 findet sich in nahezu jedem Jahrgang der großen Wettbewerbe ein Brand aus Nogaredo, mal in London, mal in Brüssel, mal beim italienischen Alambicco d'Oro. Wer über fünfzehn Jahre hinweg vorne mitläuft, hatte kein glückliches Jahr, sondern ein Verfahren, das trägt.
Fang mit den Miniaturen an
Wer die Distilleria Marzadro kennenlernen will, ohne sich gleich für eine große Flasche zu entscheiden, nimmt am besten ein Verkostungsset.
Unser Tipp für den Einstieg: das Verkostungsset Le Mignon mit fünf Miniaturen zu je 5 cl. Darin stehen vier Grappe von der klaren Trentina bis zur gereiften Diciotto Lune und als Nachtisch der Kaffeelikör Corretto. Nach dem zweiten Glas weißt du, ob du es lieber kantig oder fassweich magst. Für die süße Seite gibt es das Crema Alpina Miniaturset.
Zum Verschenken passt die Diciotto Lune mit zwei Gläsern wunderbar, weil das Glas gleich mitkommt und nichts fehlt. Weitere Zusammenstellungen findest du unter Marzadro Geschenksets, und wenn du im Trentino Geschmack gefunden hast, lohnt der Blick in unsere italienische Abteilung.
Ein Wort zum Einschenken: Grappa mag es kühl, aber nicht eiskalt, etwa sechzehn Grad, in einem Glas, das sich nach oben verjüngt, damit das Aroma nicht davonfliegt. Die Sahneliköre dagegen wollen es kalt, gerne aus dem Gefrierfach. Und wer den Bellabomba im Winter heiß trinkt, macht es wie die Italiener auf der Skihütte.
„Wir sind als Grappa-Brenner geboren", sagt Alessandro aus der dritten Generation über seine Familie. Nach hundert Tagen Kupfer, Trester und Dampf pro Jahr darf man das wohl behaupten. Probier dich durch.