Pica Pica keltert alkoholfreien Secco aus saarländischem Streuobst
Pica Pica ist eine kleine Getränkemanufaktur aus Eppelborn im Saarland, gegründet 2018 von Michael Müller, Jana Götz und Philipp Stute. Aus dem Obst alter Streuobstwiesen entstehen dort alkoholfreie Seccos der Reihe Gezwitscher, dazu Cider und ein Apfelglühwein. Wer das Obst kauft, hält die Wiesen am Leben.
Pica Pica steht für alkoholfreie Getränke, welche aus dem Obst saarländischer Streuobstwiesen gekeltert werden statt aus entalkoholisiertem Wein. Der Name ist der lateinische Fachbegriff für die Elster, jenen glänzenden Vogel, welcher alles einsammelt, was ihm auffällt. Genau so arbeitet die Manufaktur auch, mit alten Apfelsorten, mit Quitte, Stachelbeere, Rhabarber und Johannisbeere, mit allem, was auf den Wiesen der Region noch wächst.
2017 klingelte das Telefon von der Weltreise
Michael Müller und Philipp Stute lernten sich über ihre Partnerinnen kennen und merkten schnell, dass sie beide dasselbe suchten, nämlich ein gemeinsames Projekt.
„Wir verstanden uns auf Anhieb", erzählt Michael über die erste Begegnung, doch was den beiden fehlte, war die zündende Idee. Die kam 2017, als Philipp gerade um die Welt reiste und in Eppelborn durchklingelte: „Wusstest du, dass die ganze Welt Cider trinkt? Lass uns doch diesen leckeren Trend nach Hause holen!"
Fachfremd waren beide. Michael hat Wirtschaftsingenieurwesen und Maschinenbau studiert, Philipp ist Architekt. Also lasen sie sich ein, wälzten Fachzeitschriften und durchforsteten das Internet, bis sie wussten, wie Cider entsteht. 2018 stand die Firma, gemeinsam mit Jana Götz, welche seither die Gestaltung verantwortet. Die Aufgaben sind bis heute klar verteilt: Michael die Zahlen, Philipp die Ideen, Jana die Form.
Angefangen hat die Manufaktur mit Cider, dem vergorenen Apfel also, und erst später kam die alkoholfreie Reihe dazu. Heute trägt gerade sie den Namen Pica Pica nach draußen, weil es alkoholfreie Getränke mit Charakter noch immer selten gibt, während guter Cider inzwischen an vielen Ecken gekeltert wird.
Gezwitscher, Cider und ein Apfelglühwein
Das Sortiment teilt sich in drei Linien, und alle drei beginnen beim selben Rohstoff, dem Obst von der Streuobstwiese.
Die Reihe Gezwitscher ist die alkoholfreie: Gezwitscher No 10 mit Stachelbeere, Zitronenverbene und Mädesüß, Gezwitscher No 8 mit Quitte, Rhabarber und schwarzer Johannisbeere, dazu ein No 6 mit unter 0,5 Prozent. Abgefüllt wird in die 0,75-l-Flasche mit Naturkorken und Agraffe, die No 8 zusätzlich in der kleinen 0,375-l-Flasche.
Daneben stehen die Cider, und die haben Alkohol. Vier Sorten gehören dazu, der Satte Apfel, Apfel-Birne, Apfel-Quitte und Apfel-Johannisbeere, dazu ein Cider Mix für alle, die sich nicht entscheiden mögen. Für den Winter kommt der Glühapfel, ein Apfelglühwein aus alten Apfelsorten mit Quitte und Ceylon-Zimt.
Jeder von ihnen hat seinen eigenen Charakter. Der Satte Apfel wird mit englischer Pale-Ale-Hefe vergoren, bringt 5,9 Volumenprozent mit und schmeckt nach karamellisierten Äpfeln. Der Apfel-Birne bleibt mit Schweizer Wasserbirnen und 4 Prozent der leichteste, und seine Anhänger trinken ihn aus dem Weinglas mit Eis. Dazwischen liegt der Apfel-Quitte mit 4,5 Prozent, dem die Quitte ihre vielen feinen Duftnoten mitgibt.
Der Apfel-Johannisbeere fällt schon farblich aus der Reihe, weil die Beere ihn aus dem üblichen Goldgelb holt, und er ist etwas süßer geraten als seine Geschwister, dabei an heißen Tagen sehr erfrischend. Was davon gerade bei uns steht, siehst du unten im Raster.
Die Streuobstwiese ist der Regenwald Deutschlands
Hinter der Manufaktur steht ein zweites Ziel, welches genauso wichtig genommen wird wie das Getränk: der Erhalt und die Rekultivierung saarländischer Streuobstwiesen.
Eine Streuobstwiese ist keine Plantage. Auf ihr stehen hochstämmige Bäume verschiedener alter Sorten über Grünland verteilt, und bis zu 5.000 Tier- und Pflanzenarten finden dort Nahrung und Unterschlupf. Wird nicht geerntet und nicht geschnitten, wuchern die Flächen zu, die Bäume vermisteln und sterben ab.
Die alten Sorten darauf sind keine Nostalgie, sondern an ihren Standort angepasst, robuster gegen Krankheiten und geschmacklich weiter auseinander als das gute Dutzend Sorten, welches den Handel bestimmt. Wer sie keltert, bekommt Säure, Gerbstoff und Aroma, wo der Plantagenapfel vor allem Süße liefert.
„Es heißt immer, wir müssen den Regenwald schützen. Doch die Streuobstwiesen sind der Regenwald Deutschlands", sagt Philipp. „Wir sollten uns auch drauf besinnen, hier bei uns im Saarland so etwas Wertvolles zu schützen."
Also kauft die Manufaktur ihr Obst Familien entlang der Viezstraße, im St. Wendeler Land, um Hoof und Lebach herum ab. Verwaiste Wiesen werden wieder abgeerntet, und wo die Besitzer zu alt geworden sind, gehen Michael, Jana und Philipp mit Freunden selbst hin.
Was ohne Gärung ins Glas kommt
Die Gezwitscher-Cuvées gären nicht. Der Saft wird gekeltert, verschnitten und mit Kohlensäure versetzt, deshalb steht auf dem Etikett 0,0 Prozent und keine Entalkoholisierung dahinter.
Das ist der entscheidende Unterschied zu alkoholfreiem Sekt aus dem Supermarkt, welchem der Alkohol nachträglich entzogen wird und mit ihm ein Teil der Aromen. Hier war nie welcher drin. Was im Glas ankommt, ist Frucht, Kräuterauszug und Perlage, ohne den flachen Beigeschmack, den entalkoholisierte Getränke so oft mitbringen.
Gearbeitet wird mit den Säften wie ein Winzer mit seinen Weinen, schonend gekeltert und nicht pasteurisiert. Dass sich am Flaschenboden gelegentlich Weinstein absetzt, gehört dazu; es sind natürliche Kristalle aus der Frucht, und wer den letzten Schluck stehen lässt, hat sie nicht im Glas. Alte Apfelsorten. Modern interpretiert. Echtes Handwerk. So steht es auf der Website der Manufaktur, und so schmeckt es auch.
Die Haltung reicht bis in den Karton. Verschickt wird ausschließlich im Dreier-, Sechser- oder Zwölfergebinde, damit möglichst wenig Verpackung anfällt, und gebrauchte Kartons nimmt die Manufaktur kostenfrei zurück. Bei einem Getränk, dessen ganzer Sinn im Erhalt einer Kulturlandschaft liegt, wäre alles andere auch schwer zu erklären.
Wohin das Gezwitscher am Tisch gehört
Bei acht bis zehn Grad kommt das Gezwitscher ins Glas, als Aperitif vor dem Essen oder als das Glas, welches am Tisch mitmacht, wenn Wein nicht in Frage kommt.
Es gibt genug Anlässe dafür. Schwangerschaft, Stillzeit, das Auto vor der Tür, ein früher Termin am nächsten Morgen oder schlicht die Entscheidung, an diesem Abend nichts zu trinken. Bisher hieß das meist Saft oder Wasser. Mit Korken, Agraffe und feiner Perlage sieht die Sache anders aus, und niemand am Tisch muss sich erklären.
Zum Essen hält das Gezwitscher überraschend viel aus. Eine Käseplatte kommt damit zurecht, gebeizte Forelle ebenso, gebratenes Geflügel und ein Obstkuchen am Nachmittag sowieso. Als Geschenk macht die schwere Flasche mit dem gezeichneten Etikett ohnehin eine gute Figur, und sie löst das alte Problem, was man Gästen mitbringt, die keinen Wein trinken.
Wer Streuobst im Glas mag, findet bei uns noch mehr davon: die Manufaktur Jörg Geiger mit ihren PriSeccos aus Champagner-Bratbirnen, den Bergapfelsaft von Kohl aus Südtirol, dazu das ganze Regal an alkoholfreien Getränken und die Auswahl an Fruchtseccos. Lass dich überraschen, wie weit man ohne Alkohol kommt.