Norrbottens Destilleri, Gin vom Polarkreis mit Birke und Blüten
Norrbottens Destilleri ist eine kleine Destillerie in Töre im Norden Schwedens, 2016 gegründet von Dennis Bejedal. Gebrannt wird in kleinen Chargen mit Pflanzen aus den Landschaften entlang des Kalixälven. Bekannt wurde das Haus mit dem Mountain Dry Gin, den die Gin Masters 2020 mit dem Master-Titel auszeichneten.
Norrbottens Destilleri steht für schwedischen Craft Gin aus Norrbotten, der nördlichsten Provinz des Landes, wo der Winter lang ist und das Sommerlicht kein Ende nimmt. Das Prinzip des Hauses heißt Fusion, und es meint damit etwas Wörtliches. Eine Pflanze aus dem eigenen Hinterhof trifft auf eine von weit her, und aus diesem Abstand entsteht der Charakter. Birkenblatt und Timut-Pfeffer, Mädesüß und Kardamom, Sanddorn und Jalapeño.
2016 zieht ein Pokerspieler nach Norden
Dennis Bejedal hat sich das Destillieren selbst beigebracht, nachdem er dreizehn Jahre lang als Profi-Pokerspieler um die Welt gereist war.
Geboren ist er in Stockholm, heute lebt er in Pålänge, einem Dorf mit rund vierhundert Einwohnern an der Bottenbucht. Der Wechsel vom Kartentisch an die Brennblase klingt nach einem Bruch, war aber wohl eher eine Fortsetzung mit anderen Mitteln, denn beides braucht Geduld und ein Gefühl für Wahrscheinlichkeiten.
„Die Nähe zu Natur, Meer und Bergen hat mich geprägt, die Aromen treffen dich schon beim Öffnen der Tür“, sagt Dennis über den Umzug in den Norden. 2016 gründete er die Destillerie, und Ende 2019 standen die ersten Flaschen im Handel. Die stark automatisierte Anlage in Töre hat er gemeinsam mit Anders Hansson entworfen, der die Technik des Hauses verantwortet.
Die Provinz, welche dem Haus den Namen gibt, ist Schwedens nördlichste. Im Westen liegt Lappland, im Süden Västerbotten, im Osten Finnland und der Bottnische Meerbusen. Die Wege sind lang und das Wetter ist launisch, und die Pflanzen wachsen schnell, weil ihnen im Sommer kaum eine Nacht dazwischenkommt.
Inzwischen ist aus der Brennerei auch ein Ort geworden, den man besuchen kann. Direkt an der Küstenstraße E4 hat das Haus nach monatelangem Umbau seine Türen geöffnet, und neben Dennis steht dort Marie hinter dem Tresen.
Vom Bergwacholder bis zum Rhabarberkuchen
Das Sortiment umfasst zwei Gins als Grundpfeiler, dazu Akvavit, Wodka, Likör und Glögg sowie eine Reihe kleiner Sondereditionen.
Der Mountain Dry Gin holt seine Pflanzen aus den Fjällen, aus Birkenblatt, Berg-Angelika und Timut-Pfeffer. Sein Gegenstück, der Forest Dry Gin, geht in die Taiga und arbeitet mit Kiefer, Fichte und Nelke. Wer den Unterschied im Glas sucht, findet ihn dort, wo der eine hell und zitrisch bleibt und der andere harzig und dunkel wird.
Daneben stehen ein Akvavit mit Kümmel, Dill und Batak-Pfeffer und ein Wodka aus Bio-Weizen und weichem Quellwasser. Dazu kommt ein Likör um kaltgepressten Rhabarber mit einem Hauch Vanille, welcher auf Schwedisch schlicht Rhabarberkuchen heißt. Der aktuelle Glögg des Hauses setzt auf Sanddorn und Jalapeño, eine Zusammenstellung, auf die man erst einmal kommen muss.
Dazu kommen Editionen, die nur einmal erscheinen: ein Blaubeerkuchen-Likör, ein Sun Gin aus Grapefruit, Zitrone und Orange, und ein Fruchtbrand aus arktischen Bio-Himbeeren. Bei uns stehen der Mountain Dry Gin und der Glögg Gin Likör mit Mädesüß, beide in der 500-ml-Flasche.
Elf Pflanzen, eine Infusionsbox, viel Dampf
Die Handschrift des Hauses liegt darin, jede Pflanze anders zu behandeln, statt alles in denselben Topf zu werfen.
Ein Teil der Botanicals zieht vor dem Brennen im Alkohol und gibt dort seine kräftigen Aromen ab. Ein anderer Teil hängt frisch in einer Infusionsbox über der Blase, durch die nur der Dampf streicht, sodass allein die feinen Noten mitkommen. Beim Mountain Dry Gin sind es auf diese Weise elf Pflanzenstoffe, die am Ende zusammenfinden.
Der rote Faden durch das ganze Sortiment ist ein Fluss. Der Kalixälven entspringt im Kebnekaise-Gebirge, dem höchsten Massiv Schwedens, und mündet weit im Süden in die Ostsee. Was zwischen Quelle und Mündung wächst, kommt für eine Flasche infrage, und dieser Anspruch bindet das Haus an seine eigene Landschaft.
Damit hängt auch der Kalender an der Natur, denn Birkenblätter taugen nur im späten Frühling, wenn sie jung und klebrig sind, und Mädesüß blüht allein um Mittsommer. Wer zu spät kommt, wartet ein Jahr.
Wie das Haus mit seinen Rohstoffen umgeht, hat sich über die Jahre geschärft. Die heutigen Abfüllungen arbeiten mit Zutaten aus biologischem Anbau, von Böden nah und fern, die verantwortlich bewirtschaftet werden. Jede Flasche wird am Ende von Hand in Wachs getaucht, was länger dauert als ein Schrumpfschlauch und dafür jede Flasche ein wenig anders aussehen lässt.
Master bei den Gin Masters 2020
Beim Wettbewerb The Gin Masters der Spirits Business erhielt der Mountain Dry Gin 2020 den Master-Titel, die höchste Stufe dieser Verkostung, dazu eine Goldmedaille.
Schon 2019 hatte die Berlin International Spirits Competition ihm Gold mit 94 Punkten zugesprochen. Im Jahr darauf riefen sowohl New York als auch Berlin das Haus zur schwedischen Gin-Destillerie des Jahres aus. Die IWSC in London und der Wettbewerb von Cathay Pacific in Hongkong vergaben Silber.
In China kamen bei den China Wine & Spirits Awards 2020 Gold und eine Best-Value-Goldmedaille hinzu, 2021 folgte dort Best Value in Doppelgold. Die USA Spirits Ratings bewerteten den Gin im selben Jahr mit 87 Punkten und Silber. Zehn Medaillen in drei Jahren, für eine Brennerei aus einem Dorf am Bottnischen Meerbusen. Alle Achtung.
Auszeichnungen ehren den Erzeuger und nicht uns, sie erklären aber, warum ein Gin aus dem hohen Norden in New York und Hongkong auf dem Verkostungstisch landet. Bemerkenswert ist dabei vor allem das Tempo, denn zwischen der ersten Flasche im Handel und dem Master-Titel lag noch nicht einmal ein Jahr.
Zwei Flaschen aus dem hohen Norden
Aus diesem Sortiment führen wir die beiden Flaschen, die den Charakter des Hauses am deutlichsten zeigen.
Der Mountain Dry Gin mit 43,5 Prozent Alkohol gehört in ein trockenes Tonic, dazu eine Scheibe Grapefruit statt der üblichen Zitrone, damit der Timut-Pfeffer seinen zitrischen Ton behält. Der Glögg Gin Likör mit 15 Prozent Alkohol wird eiskalt getrunken, pur nach dem Essen oder auf viel Eis, denn Wärme würde die Mädesüßblüte davontragen.
Als Mitbringsel geht vor allem der Glögg Gin Likör durch, weil er im Advent auf jedem Tisch eine Aufgabe findet und trotzdem nicht nach Standard-Glühwein schmeckt. Der Mountain Dry Gin richtet sich eher an Leute, die schon eine Handvoll Flaschen im Schrank stehen haben und eine suchen, die anders klingt als der Rest.
Wer den Vergleich mit deutschem Wacholder sucht, wird bei der Windspiel Manufaktur aus der Vulkaneifel fündig, und im Gin-Regal stehen die Nachbarn aus anderen Ländern. Süße Flaschen dieser Art sammeln sich im Likör-Regal, und was sonst noch gebrannt wird, findest du unter Spirituosen.
Was gerade vorrätig ist, siehst du unten im Raster. Der Norden hat eine kurze Blütezeit und einen langen Winter, und beides steht hier in derselben Flaschenreihe.